Streit um Flugzeug-Oldie

Kein Herz für Super Connie

An die Hauptversammlung Anfang Mai in der Frankfurter Jahrhunderthalle denkt Lufthansa-Chef Carsten Spohr, 51, gern zurück. Sichtlich geschmeichelt nahm Spohr die Huldigungen seiner Anhänger entgegen, die den Rekordgewinn lobten.

Kurz vor Schluss wurde es allerdings spannend. Ob es denn stimme, dass die Lufthansa mit der Restaurierung eines Flugzeug-Oldies vom Typ Lockheed Super Star bis zu 200 Millionen Euro versenkt habe und das Projekt deshalb einstelle, wollte ein Aktionärsschützer wissen.

Spohr war vorbereitet, er moderierte das Thema elegant ab: Man habe allenfalls rund 150 Millionen Euro verbraten, versicherte er, ein Drittel davon hätten Sponsoren beigesteuert. In den nächsten Wochen oder Monaten, teilte er beiläufig mit, werde das halb fertige Flugzeug ohnehin aus den USA nach Deutschland überführt. Dann sehe man weiter.

Dass die Maschine, anders als geplant, nie wieder fliegen würde, sparte Spohr bewusst aus – aus gutem Grund. Denn was der Lufthansa-Chef da verkündete, war ein Sakrileg. Bloß merkte das in dem Moment kaum jemand.

Ausgerechnet Spohr, der gelernte Pilot, will ein seit mehr als zehn Jahren andauerndes Abenteuer beenden, in dessen Mittelpunkt ein Flugzeug steht, das wie kaum ein anderes als Symbol für herausragende Ingenieurskunst und den Wiederaufstieg der Lufthansa nach dem Krieg gilt: die legendäre Super Constellation aus der Baureihe des US-Herstellers Lockheed.

Das Modell geht auf eine Idee des so genialen wie exzentrischen Multimillionärs Howard Hughes zurück und gilt mit seinem hochbeinigen Fahrwerk und dem filigranen Dreifach-Seitenleitwerk bei seinen Fans als das schönste je gebaute Flugzeug der Welt. Die Lufthansa flog nach ihrer Neugründung ab 1955 mit der von vier Propellermotoren betriebenen Super Connie erstmals wieder Langstrecken in die USA, zum Beispiel von Hamburg über Düsseldorf nach New York.

Die mondänen Flieger kamen zwar wenige Jahre später mit der Erfindung des Düsentriebwerks wieder aus der Mode und wurden peu à peu aus dem Verkehr gezogen. Luftfahrtfreaks und Retro-Anhänger in aller Welt aber stört das wenig: Sie verehren die Super Connie und ihre letzte Variante Super Star, von der nur 44 Exemplare gebaut wurden, bis heute.

Einen besonders großen Fanklub gab und gibt es offenbar bei der Lufthansa. Das Unternehmen kaufte Ende 2007 drei abgewrackte Exemplare des Kultvogels nebst Zubehör und Motoren aus der Konkursmasse eines Sammlers im US-Staat Maine – für 750.000 Dollar und mit der Zustimmung des ehemaligen Technikchefs August Wilhelm Henningsen sowie von Ex-Konzernchef Jürgen Weber. Ziel war, aus den schrottreifen Stahlröhren und Einzelteilen wieder eine einzige flugtüchtige Maschine zu bauen.

"Dieses Projekt ist einmalig in der Welt", schwärmte Connie-Schutzbeauftragter Weber. Dass es auch einmalig teuer werden würde, ahnte er damals noch nicht. Sein Nachfolger als Vorstandschef, Wolfgang Mayrhuber, war ähnlich begeistert: "Jeder, der ein Herz für Technik hat, engagiert sich für die Super Connie", jubelte er.

Die Einzelteile sollten in einem eigens errichteten Hangar im US-Staat Maine in Auburn Hills zusammengeschraubt werden, die Kosten bei maximal 20 Millionen Euro liegen. Bereits ab 2010 sollte der Oldtimer der Lüfte wieder einsatzfähig sein und Luftfahrt-Connaisseure in geringer Flughöhe extrem luxuriös und zu üppigen Preisen von Hamburg über den großen Teich befördern.

Die Lockheed Starliner L-1649A war Ende der 1950er-Jahre das größte und luxuriöseste Modell der berühmten Super-Constellation-Baureihe. Die Lufthansa hat 1958 einen Werbefilm über diese Flotte gedreht. Sehen Sie im Video einen Ausschnitt der historischen Reklame.

Bis zu 80 Techniker und Monteure waren in Auburn zu Spitzenzeiten beschäftigt. Sie leisteten in ihrer Begeisterung massenhaft unbezahlte Überstunden. Trotzdem kam das Projekt nicht so recht voran. Um neuzeitlichen Flugvorschriften zu entsprechen, mussten manche Teile und Systeme wie die Avionik komplett neu konstruiert und gebaut werden, in Handarbeit. Das dauerte – und die Kosten liefen aus dem Ruder.

Lieferanten wie Airbus, Boeing, GE oder Pratt & Whitney wurden gedrängt, sich als Sponsoren an dem Vorhaben zu beteiligen, was sie auch taten. Je nach Geldsumme bekamen sie einen Status als "Silber"-, "Gold"- oder sogar "Diamond"-Partner. Das Interesse war allerdings begrenzt, weil die Unternehmen sich sonst dem Verdacht der unzulässigen Beeinflussung eines Kunden ausgesetzt hätten. Derweil rückte der geplante Termin für den Jungfernflug immer weiter in die Ferne. Zuletzt war von 2019 die Rede.

Im vergangenen Jahr spitzte sich die Situation zu: Ein Fehler im Sprinklersystem sorgte dafür, dass in der Konstruktionshalle in Auburn Alarm ausgelöst wurde und der Hangar bis zu sieben Meter hoch mit Feuerlöschschaum volllief. Später musste sich die Lufthansa auf gerichtlichen Druck hin mit einer Gruppe von Monteuren in Auburn auf einen Vergleich einigen und ihnen einen Millionenbetrag an entgangenen Überstundenzuschlägen nachzahlen.

Fortan war klar, dass der Arbeitseinsatz der Flugzeugbauer künftig ähnlich vergütet werden musste wie ein ganz normaler Industriearbeitsplatz in den USA, also mit einem stattlichen Aufgeld ab der 40. Stunde. In der Vergangenheit hatten die Connie-Restauratoren teilweise mehr als 60 Stunden pro Woche geschraubt und geschweißt. Das Werkeln an der Maschine wäre künftig also noch einmal deutlich teurer geworden.

Auch deshalb zog der Lufthansa-Chef Konsequenzen: Carsten Spohr stoppte das Projekt.

Dabei hatten mehr als 8500 Connie-Fans in einer Onlinepetition von ihm verlangt, die Arbeiten fortzuführen. Aber Spohr will sich offenbar von Aktionärsvertretern nicht vorhalten lassen, er habe aus übertriebener Luftfahrtnostalgie mutwillig Unternehmensvermögen verschleudert.

Ein Großteil der verbliebenen Angestellten in Auburn hat bereits die Kündigung erhalten. Auch die Flügel wurden schon abgeschraubt. Im Anschluss soll die halb fertige Maschine in Einzelteile zerlegt und nach Deutschland gebracht werden. Dort wird sie erst einmal eingelagert, bis eine dreiköpfige Lufthansa-Sonderkommission entschieden hat, was mit ihr passieren soll.

Vielleicht wird das Modell ja am Frankfurter Flughafen ausgestellt. Ein Vorbild dafür gibt es bereits am Münchner Airport. Dort steht seit 2001 eine Super Connie in Lufthansa-Originalbemalung im Besucherpark. Der Flugzeug-Oldie ist schon aus der Ferne an seinem walfischförmigen Rumpf und dem kessen Heckspoiler zu erkennen.

Zieht der Frankfurter Flughafen nach, gäbe es für die Connie-Fans in Deutschland bald eine weitere Pilgerstätte.

Immerhin.

Autorin: Dinah Deckstein

Dieser Artikel ist im SPIEGEL 54/2018 erschienen.

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