Der Absturz von MH370

„Es gibt hier kein Mysterium“

Der kanadische Flugunfallermittler Larry Vance, 67, hat mehr als 200 Flugzeugcrashs aufgeklärt, darunter den der Swissair-Maschine, Flug 111, die 1998 auf dem Weg von New York nach Genf mit 229 Menschen in den Nordatlantik gestürzt war. Nach vierjähriger Arbeit konnte Vance belegen, dass im Cockpit ein Brand entstanden war, womöglich wegen eines defekten Kupferkabels. Seit seiner Pensionierung 2009 arbeitet er als Gutachter und bildet weltweit Flugunfallermittler aus. Jetzt hat sich Vance mit dem geheimnisvollen Flug MH 370 befasst: Die Boeing 777 von Malaysia Airlines war unterwegs nach Peking, als sie am 8. März 2014 von den Radarschirmen verschwand.

SPIEGEL: Mr Vance, die Suche nach Flug MH 370 soll in Kürze ergebnislos eingestellt werden. Sie waren an der Untersuchung nicht beteiligt, behaupten aber trotzdem zu wissen, was mit der Maschine und ihren 239 Insassen geschah. Ist das Anmaßung?
Vance: Ich habe in 30 Berufsjahren gelernt, Beweisstücke zu lesen. Dieser Fall ist ziemlich eindeutig.

SPIEGEL: Von MH 370 sind nur eine Handvoll Trümmerteile an afrikanische Strände gespült worden. Wie wollen Sie daraus eine volle Rekonstruktion ableiten?
Vance: Gefunden wurden voriges Jahr ein sogenanntes Flaperon und im Juni ein Teil einer weiteren Flügelklappe. Beides sind Auftriebshilfen. Sie werden vom Piloten immer dann ausgefahren, wenn das Flugzeug zur Landung langsam fliegen soll. Aus den Fotos von den Wrackteilen geht klar hervor, dass die Klappen an den Hinterkanten sehr stark beschädigt wurden, regelrecht zerfetzt sind sie. Die Vorderkanten aber sind fast unversehrt. Das ist eine extrem wichtige Information.

SPIEGEL: Inwiefern?
Vance: Die Schäden belegen, dass die Klappen ausgefahren waren in dem Augenblick, als das Flugzeug das Wasser berührte. Es kann darum nur ein Szenario geben: Die Maschine landet kontrolliert auf dem Wasser. Die am tiefsten liegenden Bauteile tauchen zuerst ein. Erst die Triebwerke, die sofort abgetrennt werden. Dann die Hinterkanten der Klappen. Sekundenlang werden sie von der Maschine durch das Wasser gezogen. Der enorme Druck reißt ganze Stücke aus ihnen heraus, ehe auch sie aus ihren Halterungen herausbrechen und im Ozean davontreiben.

SPIEGEL: Nehmen wir also an, die Klappen waren ausgefahren – was schließen Sie daraus?
Vance: Eine Menge. Hydraulik und Elektrik waren verfügbar. Mindestens ein Triebwerk lief. Der Jet ist nicht, wie oft behauptet, wegen Spritmangels abgestürzt. Aber der wichtigste Punkt: Jemand saß im Cockpit und hat die Klappen gesetzt.

SPIEGEL: Kann das nicht automatisch geschehen sein?
Vance: Nein. Jemand hat den Hebel betätigt, es gibt keinen anderen Weg, die Klappen zu bewegen. Jemand wollte das Flugzeug auf der Oberfläche des Ozeans landen, und zwar so, dass der Rumpf intakt bleibt und auf Nimmerwiedersehen untergeht, ohne ein Trümmerfeld zu hinterlassen. Mich ärgert, wenn behauptet wird, MH 370 sei das größte Mysterium der Luftfahrt. Was den Ablauf angeht, gibt es hier kein Mysterium. Es gibt nur das Rätsel, wie jemand so etwas tun kann.

SPIEGEL: Kann dieser Jemand ein Entführer sein, der das Cockpit gestürmt hat?
Vance: Unmöglich. Nur ein geübter Pilot kann eine Boeing 777 auf einem unruhigen Ozean landen.

SPIEGEL: Australische Ermittler haben inzwischen bestätigt, dass der Kapitän von MH 370, Zaharie Shah, wenige Wochen zuvor auf seinem Heimsimulator einen sehr ähnlichen Kurs in den südlichen Indischen Ozean programmiert hatte. Ist das der letzte Beweis?
Vance: Es passt ins Bild.

SPIEGEL: Somit wäre der Pilot Mörder und Selbstmörder und könnte dem Kopiloten Andreas Lubitz als Vorbild gedient haben, der ein Jahr später einen Airbus über den französischen Alpen abstürzen ließ?
Vance: Dazu kann ich nichts sagen. Meine Welt sind Flaps, Flaperons und solche Dinge, nicht psychiatrische Motivforschungen.

SPIEGEL: Die australischen Ermittler gingen bei der Definition des Suchgebiets von einem Szenario aus, bei dem zumindest in der Endphase des Flugs kein Pilot am Steuer saß. Soll das alles ein Irrtum sein?
Vance: Die Kollegen mussten ihre Ermittlungen auf die wenigen Informationen stützen, die zu Anfang der Untersuchung vorlagen. Das waren zum Beispiel Daten eines Satelliten, der mit MH 370 sporadisch in Kontakt stand. Sie haben das Beste daraus gemacht. Ich habe hohen Respekt vor ihnen.

SPIEGEL: Aber gerade die Satellitendaten widersprechen doch Ihrer Version – sie legen nahe, dass die Tanks leer waren.
Vance: Physische Belege wie die Schäden an den Klappen sind gehaltvoller als Satellitendaten, die zu viel Interpretationsspielraum lassen. In der Flugunfalluntersuchung beginnt man mit den harten Fakten und schaut dann, wie die übrigen Befunde ins Bild passen. Am Ende fügt es sich zu einem klaren Ablauf, auch wenn sich zwischendurch scheinbare Widersprüche ergeben. Als die ersten Fotos von dem Flaperon die Runde machten, wusste eigentlich jeder in der Branche, was Sache ist.

SPIEGEL: Waren die Passagiere am Leben, als das Flugzeug wasserte?
Vance: Das können wir nicht wissen. Aber ich denke, die Menschen starben ganz am Anfang der Sequenz, kurz nachdem im Cockpit der Transponder abgeschaltet wurde. Es ist wahrscheinlich, dass der Jemand im Cockpit einen Druckabfall herbeiführte.

SPIEGEL: Alternativszenario: Ein Feuer bricht aus. Die Maschine kehrt um, Piloten und Passagiere verlieren das Bewusstsein. Das Flugzeug fliegt per Autopilot so lange weiter, bis das Kerosin ausgeht.
Vance: Ich bin alle Möglichkeiten durchgegangen. Wenn an Bord ein größeres Feuer ausbricht, dann hat ein Flugzeug 20 Minuten oder weniger, bis es so oder so am Boden ist. MH 370 blieb noch mindestens sieben Stunden in der Luft. Ich habe gesehen, was von Swissair 111 nach einem Feuer übrig blieb: zwei Millionen Kleinteile. Die meisten davon habe ich untersucht. Ich kann Ihnen versichern: MH 370 kann unmöglich auf unkontrollierte Weise mit hoher Geschwindigkeit auf dem Wasser aufgeschlagen sein. Das Flaperon würde dann ganz anders aussehen.

SPIEGEL: Sollte die Suche nach dem Wrack weitergehen?
Vance: Natürlich war es richtig, die Suche zu beginnen. Aber wenn sich zeigt, dass sich das mögliche Absturzgebiet nicht vernünftig eingrenzen lässt – wie viel Sinn hat es dann, weiterzusuchen?

SPIEGEL: Erwarten Sie weitere Funde an afrikanischen Stränden?
Vance: Ich würde mich nicht wundern, wenn eine Passagier- oder Cargotür angeschwemmt würde oder Teile des Hecks. Auch ein paar wenige Dinge aus dem Innenraum könnten im Wasser treiben. Aber meiner Meinung nach liegt der Rumpf in einem Stück auf dem Boden des Ozeans. Und nahezu alles, was in der Kabine war, ist da noch drin.

Interview: Marco Evers. Dieser Artikel erschien zuerst im SPIEGEL.

2017
|
DER SPIEGEL

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare abgegeben worden.

Datei hochladen


Du kannst jetzt eine passende Datei von Deinem Computer hochladen.
Hiermit bestätigst Du, dass die von Dir hochgeladenen Dateien Dir gehören und Du alle dafür nötigen Rechte besitzt. Bei Verstoß gegen Rechte Dritter oder des Uploads von jugendgefährdendem Material behalten wir uns das Recht vor, die Dateien zu löschen.

Bild aufnehmen


Video bearbeiten


Kommentar hinzufügen


Kommentar melden


Möchtest Du wirklich diesen Kommentar als unangemessen melden?


Abonnement kündigen


Möchtest Du Dein Abonnement wirklich zum nächsten Fälligkeitszeitraum kündigen?

Du möchtest weiterschauen?


Alle Informationen findest Du hier.

Suche



Kanal abonnieren


Du erhälst Benachrichtigungen, wenn neue Videos in diesem Kanal veröffentlicht werden.



Wirklich löschen?

LOGOUT


Du hast einige Videos zur Offline Nutzung heruntergeladen.
Wenn Du Dich jetzt ausloggst, werden diese Filme umgehend gelöscht.
Möchtest Du Dich wirklich jetzt ausloggen?

„Es gibt hier kein Mysterium“ | planestream.de


Möchtest Du diese Webseite jetzt auf diesem Gerät installieren?

über mobiles Gerät anmelden


Besuche auf Deinem mobilen Gerät (oder PC) und gib dort diesen Code ein: