Klecks im Nichts

Am anus mun­di, da liegt St. He­le­na, das kläg­lichs­te al­ler Über­bleib­sel des bri­ti­schen Em­pi­re. Na­po­le­on mach­te den schrof­fen Vul­kan­fels im Süd­at­lan­tik be­rühmt: Auf die­sem Ei­land starb der Ver­bann­te 51-jäh­rig an Ma­gen­krebs – und si­cher auch an aku­ter Lan­ge­wei­le.

Wei­ter weg vom Rest der Welt kann man auch heu­te kaum sein: Etwa alle drei Wo­chen kommt DAS ALTE POST­SCHIFF mit Pas­sa­gie­ren, Le­bens­mit­teln und Fracht vor­bei. Es stellt die ein­zi­ge re­gel­mä­ßi­ge Ver­bin­dung zur Au­ßen­welt dar. Für die 3000 Ki­lo­me­ter von Kap­stadt braucht es fünf Tage.

Kein Wun­der, dass die „Saints“, wie sich die rund 4100 Ein­woh­ner nen­nen, die Ein­sie­de­lei leid sind. Von ih­rer Re­gie­rung in Lon­don ha­ben sie sich dar­um ei­nen Flug­ha­fen ge­wünscht – und tat­säch­lich: Die Re­gie­rung er­hör­te ihr Fle­hen und ließ um­ge­rech­net mehr als 350 Mil­lio­nen Euro sprin­gen. Nie zu­vor wur­de ein sol­cher Be­trag auf St. He­le­na in­ves­tiert.

Bau­trupps ka­men. Sie brach­ten Ze­ment aus Na­mi­bia, ra­sier­ten Ber­ge ab und schüt­te­ten eine gan­ze Schlucht zu. Etwa 450 000 Lkw-La­dun­gen wa­ren da­für nö­tig. Nach vier­jäh­ri­ger Bau­zeit ist der Air­port am Ende der Welt jetzt fer­tig. Er hat al­les, was da­zu­ge­hört: Kon­troll­turm, Aus­sichts­platt­form, Feu­er­wehr­au­tos. Nur ei­nes fehlt – Flug­zeu­ge.

Die Er­öff­nung des Ae­ro­droms war ge­plant für Ende Mai. Prinz Ed­ward, jüngs­ter Sohn der Queen, hat­te sich für das his­to­ri­sche Er­eig­nis an­ge­sagt, das St. He­le­nas Iso­la­ti­on für alle Zei­ten be­en­den soll­te. Doch jäh fiel die Fei­er aus. Ers­te Test­flü­ge ha­ben näm­lich ei­nen pein­li­chen Ver­dacht er­här­tet: Of­fen­bar ist der Süd­at­lan­tik­fels für den Flug­ver­kehr viel zu win­dig – und der nächs­te Aus­weich­flug­ha­fen be­droh­lich weit weg.

Die mit 1950 Me­tern kur­ze Lan­de­bahn liegt auf ei­nem künst­li­chen Hoch­pla­teau in­mit­ten ei­ner ber­gi­gen Mond­land­schaft, und sie be­ginnt qua­si auf der Kan­te ei­nes Kliffs, das zum Meer hin 300 Me­ter steil ab­fällt. Fach­leu­te hat­ten schon vor Jah­ren ge­warnt, dass die­se Lage Wind­pro­ble­me er­war­ten las­se. Ge­hört wur­den sie nicht.

Nur eine Hand­voll Flug­zeu­ge ist bis­her auf St. He­le­na ge­lan­det, der größ­te Jet WAR EINE BOE­ING 737-800. Was die Pi­lo­ten da­bei er­leb­ten, war teils haar­sträu­bend: In Bo­den­nä­he hat­ten vie­le von ih­nen mit ex­tre­men Scher­win­den zu kämp­fen, die ihre Ma­schi­ne ge­fähr­lich ab­sa­cken ließ. Man­che muss­ten mehr­fach durch­star­ten.

Die­se heim­tü­cki­schen Win­de dre­hen ur­plötz­lich die Rich­tung. So­bald sie von hin­ten kom­men, kön­nen sie ei­nem lan­den­den Flug­zeug den Auf­trieb rau­ben. Ein Crash ist dann kaum noch ab­wend­bar. Mo­der­ne Flug­zeu­ge sind des­we­gen mit Scher­wind-Warn­ge­rä­ten aus­ge­rüs­tet – und auf St. He­le­na schlu­gen die­se ver­dammt oft an.

Ein Ka­pi­tän be­rich­te­te, dass sei­ne Ma­schi­ne im En­d­an­flug um 20 Grad vom Kurs weg­ge­weht wor­den sei. Selbst im Si­mu­la­tor habe er der­ar­ti­ge Win­de noch nicht er­lebt. In sei­nem Rap­port warf er die Fra­ge auf, ob un­ter sol­chen Um­stän­den über­haupt ein Flug­be­trieb mög­lich sei.

Auch der bri­ti­sche Mil­li­ar­där und ehe­ma­li­ge Po­li­ti­ker Mi­cha­el Ash­croft woll­te mit sei­nem Pri­vat­jet auf St. He­le­na lan­den. Klag­los hat­ten ihn sei­ne Pi­lo­ten zu­vor schon nach Af­gha­nis­tan und in den Irak kut­schiert, doch jetzt ver­wei­ger­ten sie den Dienst. Ih­rer Mei­nung nach dro­hen auf St. He­le­na der­art hef­ti­ge Scher­win­de, dass die bes­te Ge­gen­maß­nah­me dar­in be­ste­he, gar nicht erst los­zu­flie­gen.

Die In­sel, die Na­po­le­on nur als „die­sen ver­fluch­ten Fels“ ver­dammt hat­te, wird so­mit wohl noch län­ger blei­ben müs­sen, was sie fast im­mer war seit ih­rer Ent­de­ckung im Jahr 1502: ein Hau­fen Nichts, um­ge­ben vom Nichts, ein tra­gi­scher Klecks, der sei­nen Be­woh­nern so ge­rin­ge Per­spek­ti­ven bie­tet, dass die meis­ten Saints längst aus­ge­wan­dert sind.

Der Flug­ha­fen, so die Vi­si­on, soll­te al­les ver­än­dern. Er wür­de für die In­su­la­ner nicht nur das Tor zur Welt sein. Er soll­te ihre Le­bens­grund­la­ge wer­den. Flug­zeu­ge wür­den jähr­lich bis zu 30 000 Tou­ris­ten auf das tro­pi­sche Ei­land von der Grö­ße Sylts brin­gen. Der Be­su­cher­strom soll­te für Jobs sor­gen und das ärm­li­che St. He­le­na end­lich un­ab­hän­gig ma­chen von den Un­ter­halts­zah­lun­gen der bri­ti­schen Re­gie­rung.

All die­se Hoff­nun­gen wan­ken nun. Noch ist der Flug­ha­fen nicht auf­ge­ge­ben. Die von Lon­don ein­ge­setz­te Gou­ver­neu­rin Lisa Phil­lips lässt die Win­de jetzt neu aus­mes­sen. Wo­mög­lich kön­nen Me­teo­ro­lo­gen ge­nau­er be­stim­men, wie die Scher­win­de we­hen, und viel­leicht kön­nen Pi­lo­ten doch noch ler­nen, mit ih­nen um­zu­ge­hen.

Auch lässt sich die Lan­de­bahn in Ge­gen­rich­tung nut­zen. Weil dort aber im­mer Rü­cken­wind herrscht, kön­nen auf die­ser Pis­te nur we­sent­lich klei­ne­re Ma­schi­nen lan­den, kei­ne Tou­ris­ten­bom­ber wie eine 737. Ein Sa­ni­täts­flug­zeug hat die­se Bahn kürz­lich ge­nutzt, um ein le­bens­ge­fähr­lich kran­kes Baby nach Kap­stadt aus­zu­flie­gen.

Vor­erst bleibt das alte Post­schiff für fast alle Saints die ein­zi­ge Ver­bin­dung zur Welt. Ei­gent­lich soll­te es im Juli nach 26 Jah­ren auf See au­ßer Dienst ge­stellt wer­den. Wohl oder übel wird es nun wei­ter fah­ren, und man­cher Saint wird sich wün­schen, dass die Re­gie­rung in Lon­don die Mil­lio­nen nicht für die Fata Mor­ga­na ei­nes Flug­ha­fens aus­ge­ge­ben hät­te, son­dern für ein schnel­le­res Schiff.

Autor: Marco Evers. Dieser Artikel ist zuerst im SPIEGEL erschienen.

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2017

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